Brautpaar L. und K. tanzt in der Abendsonne vor der Eventlocation AchtWerk in Rudersberg
Vor der Halle, in der Abendsonne – mit dem Blick ins Grüne, der mich schon beim Aufbau nicht losgelassen hat. Fotos: OKA Wedding

Hochzeitsgeschichten · Reportage

Türkisch, italienisch, ein Takt: L. & K. im AchtWerk Rudersberg

Eine italienisch-türkische Hochzeit im AchtWerk in Rudersberg bei Stuttgart – mit einem Einzug, bei dem schon alle standen, einem Platz, an dem ein Bild stand, und einem Moment, in dem ein italienischer Brautvater mitwechselte.

Hochzeitsgeschichten  ·  Italienisch-türkische Hochzeit  ·  AchtWerk, Rudersberg  ·  Von DJ SAM  ·  September 2025  ·  ca. 7 Min. Lesezeit

Es gibt Hochzeiten, bei denen ich schon vor dem ersten Ton weiß, dass der Abend gut wird. Diese war so eine. Ich stand früh im AchtWerk in Rudersberg, hatte aufgebaut, das Wetter war gut – und dann habe ich mir einfach ein paar Minuten genommen. Draußen vor der Halle geht der Blick ins Grüne, über die Hänge des Remstals. Bevor ein Saal voll wird, ist das der ruhigste Moment eines Arbeitstages, und ich habe ihn an diesem Tag bewusst genossen.

Gebucht war ich als Hochzeits-DJ für eine italienisch-türkische Hochzeit – sie mit italienischen Wurzeln, er mit türkischen.

Bei diesem Paar kam für mich persönlich noch eine Ebene dazu. Die Familie des Bräutigams stammt aus derselben Heimatregion wie meine eigene – aus Zentralanatolien, auf Türkisch İç Anadolu. Das ändert nichts an der Arbeit, aber es ändert etwas am Zuhören. Wenn du mit derselben Musik groß geworden bist, weißt du nicht nur, welcher Song als Nächstes passt – du weißt auch, was er den Leuten bedeutet, die gerade auf der Fläche stehen. Ich habe mich an diesem Abend noch einmal anders mit der Feier identifiziert als sonst.

Organisiert hat den Tag die Hochzeitsplanerin Bilge von Bilges Weddings, und das hat man gemerkt: Der Hochzeitsablauf saß, die Übergaben liefen ohne Suchen, und ich konnte mich auf das konzentrieren, wofür ich da war. Das Warm-up lief entspannt, die ersten Gäste kamen an, und die Halle füllte sich in genau dem Tempo, das man sich wünscht.

Brautpaar zeigt lachend die Eheringe beim Sektempfang, umgeben von Seifenblasen
Die Ringe sind dran – und die Laune stimmte von der ersten Minute an. Foto: OKA Wedding

Zwei Familien, zwei Musikwelten – und eine Halle bei Stuttgart

Wenn eine italienische und eine türkische Familie zusammen feiern, hat man als DJ zwei Gesellschaften vor sich, die beide wissen, wie richtig gefeiert wird – nur eben nicht auf dieselbe Art. Beide Seiten bringen einen eigenen Gruppentanz mit, beide erwarten Musik, die sie kennen, und beide spüren sofort, wenn sie nur höflich mitgemeint sind. Genau da entscheidet sich, ob so ein Abend funktioniert.

Dass diese Konstellation im Raum Stuttgart keine Ausnahme ist, sieht man an den Zahlen: In Baden-Württemberg bilden türkische Staatsangehörige die größte ausländische Bevölkerungsgruppe, italienische liegen auf Platz vier – so das Statistische Landesamt für den Stand Ende 2025. Zwei große Gemeinschaften, die im selben Ballungsraum leben, heiraten irgendwann auch miteinander. Der Bedarf an Abenden, die beide Seiten tragen, ist real.

Das AchtWerk in Rudersberg im Rems-Murr-Kreis ist für so etwas ein dankbarer Ort. Die Halle war früher eine Fabrik: Ziegelwände, Stahlträger, der originale Boden, dazu eine Deckenhöhe, die den Raum groß wirken lässt, ohne ihn kalt zu machen. Getraut und gefeiert wird im selben Raum – kein Ortswechsel, kein Bus, keine Pause, in der die Stimmung abkühlt. Für einen DJ heißt das: Der Faden reißt nie.

Schwarzweiß-Aufnahme des Brautpaars unter dem Schleier auf einer Wiese
Ein ruhiger Moment zu zweit, bevor der Abend gefordert hat. Foto: OKA Wedding

Ein Einzug, bei dem schon alle standen

Der Einzug des Brautpaars war der erste Punkt, an dem ich gemerkt habe: Diese Gesellschaft ist wach. Normalerweise braucht so ein Moment einen Anlauf. Man setzt die Musik, die Gäste drehen sich um, ein paar stehen auf, andere bleiben sitzen und schauen über die Schulter. Man baut den Applaus auf.

Hier war nichts aufzubauen. Als die Tür aufging, standen bereits alle. Keiner musste geholt werden, keiner hat gezögert. Statt eines langsamen, melancholischen Einzugs wurde daraus ein Empfang – die komplette Gesellschaft auf den Beinen, bevor das Paar überhaupt im Raum war. Ich habe die Musik entsprechend angepasst: Wenn ein Saal dir so entgegenkommt, spielt man nicht gegen ihn an, sondern gibt ihm das Tempo, das er selbst schon hat.

Solche Einzüge kann man nicht bestellen. Sie entstehen, wenn eine Gesellschaft dem Paar wirklich zugewandt ist – und sie setzen den Ton für alles, was danach kommt.

Der Platz, an dem ein Bild stand

Zu diesem Abend gehört ein Moment, der leiser war als alles andere. Der Vater des Bräutigams ist verstorben. Er war an diesem Tag nicht dabei – und er war es doch: An seinem Platz stand sein Bild.

Ich habe schon viele Hochzeiten gespielt, auf denen ein Mensch gefehlt hat. Was ich hier gesehen habe, war kein Trauermoment, der die Feier gebremst hätte. Es war eine ruhige Selbstverständlichkeit: Er gehört an diesen Tisch, also ist er da. Im Herzen des Brautpaars ohnehin, und für die Gäste sichtbar.

Für mich am Pult bedeutet so etwas vor allem eines: aufmerksam bleiben. Man muss nicht jeden stillen Moment kommentieren. Meistens ist es genau richtig, ihn stehen zu lassen und dafür zu sorgen, dass der Abend danach wieder trägt. Genau das ist an diesem Tag passiert – die Feier war fröhlich, ausgelassen und laut, und der Platz mit dem Bild hat dazugehört, ohne dass sich das widersprochen hätte.

Brautpaar stoßt mit Sekt an, dahinter ein Neonherz mit den Initialen an der Ziegelwand im AchtWerk Rudersberg
Anstoßen vor der Ziegelwand – die Initialen als Neonherz. Foto: OKA Wedding

Vier bis sechs Hits, bevor der erste Tanz kommt

Etwas, das ich auf fast jeder Hochzeit mache und das kaum jemand von außen als Technik erkennt: Kurz vor dem Hochzeitstanz lege ich eine Mini-Party ein. Vier bis sechs Hits, jeweils nur angespielt – die Stücke, bei denen jede Altersgruppe im Saal einmal kurz hochgeht.

Der Grund ist einfach. Der erste Tanz ist ein Moment für zwei Menschen, alle anderen schauen zu. Danach soll die Tanzfläche voll werden. Wenn die Gesellschaft aber den ganzen Abend nur gesessen und gegessen hat, ist der Sprung von null auf Party groß. Also gebe ich allen vorher einen kurzen musikalischen Höhepunkt: Jeder hört einmal etwas, das ihm gehört, jeder ist einmal gemeint. Danach sitzt keiner mehr wirklich fest im Stuhl.

Bei einer Feier mit zwei Kulturen hat das noch einen zweiten Nutzen: Ich kann in diesen wenigen Minuten beide Seiten bedienen, ohne dass es nach Abarbeiten aussieht. Wer bis dahin nicht sicher war, ob heute auch seine Musik kommt, weiß es danach.

Der Übergang, den niemand bemerken sollte

Und dann kam der Moment, wegen dem ich diese Hochzeit nie vergessen werde.

Irgendwann habe ich ein türkisches Oyun Havası-Stück – die schnelle Tanzmusik, bei der auf türkischen Feiern niemand sitzen bleibt – in einen italienischen Song übergehen lassen. Das ist die Stelle, an der so ein Abend kippen kann. Der klassische Fehler ist der harte Schnitt: Eine Hälfte des Saals kennt das Nächste nicht, denkt „das ist jetzt nicht meins“ und geht runter von der Fläche. Einmal leer, füllt sie sich an dem Abend nicht mehr richtig.

Deshalb macht man das nicht mit einem Wechsel, sondern mit vielen kleinen. Schritt für Schritt, mit Sorgfalt, immer wieder hin und her – so, dass keine Seite den Eindruck bekommt, jetzt sei die andere dran. Ich habe an diesem Abend ständig geswitcht, und ich habe dabei die Tanzfläche nicht aus den Augen gelassen.

Sie blieb voll. Keiner ist gegangen. Und dann habe ich den italienischen Vater der Braut gesehen: Er hat mitgewechselt. Von türkisch auf italienisch, von italienisch auf türkisch, ohne Pause dazwischen. Ein Mann, der an seinem eigenen Familienfest auf beiden Seiten tanzt – da stand ich am Pult und habe gegrinst wie ein Kind, weil mir in genau dieser Sekunde klar wurde, dass die Rechnung aufgegangen ist.

Kurz darauf kam die Braut mitten auf der Tanzfläche auf mich zu und hat mir ein High Five gegeben. Kein langes Gespräch, keine große Geste – einfach ein Einschlagen und ein Lachen. Ich bin ziemlich sicher, dass sich auch dieses Paar vorher die Frage gestellt hat, die sich alle stellen: Wie kriegt man zwei Kulturen auf eine Tanzfläche? In diesem Moment war die Frage beantwortet, und wir beide wussten es gleichzeitig.

Wie unterschiedlich derselbe Kulturmix ausfallen kann, habe ich übrigens schon einmal erlebt: bei unserer italienisch-türkischen Hochzeit in Hanau, die ganz anders aufgebaut war als dieser Abend.

Als der italienische Brautvater anfing, zwischen beiden Welten hin- und herzutanzen, wusste ich: Der Abend trägt.

Brautpaar lacht mit vollen Tellern in der Industriehalle des AchtWerk in Rudersberg
Das Grinsen, das an diesem Abend nie ganz weg war – hier vor den Ziegelwänden der Halle. Foto: OKA Wedding

Als DJ im AchtWerk Rudersberg – meine Erfahrung mit der Location

Das AchtWerk ist eine Eventlocation in Rudersberg im Rems-Murr-Kreis, gut eine halbe Stunde von Stuttgart entfernt. Aus DJ-Sicht sind es vor allem drei Dinge, die den Abend leichter machen.

Ein Raum, keine Brüche. Weil Trauung und Feier im selben Saal stattfinden können, entfällt der Ortswechsel, der sonst gern die Stimmung halbiert. Der Tag läuft in einer Linie durch, und ich kann die Dramaturgie über den ganzen Abend anlegen statt zweimal von vorn anzufangen.

Der Raum trägt die Musik. Ziegel, Stahl und viel Höhe klingen anders als ein niedriger Saal mit Teppich – großzügiger, aber auch unbarmherziger, wenn man zu früh zu laut wird. Fest installiert ist eine Anlage von d&b audiotechnik samt Moving Lights; das ist eine Basis, mit der man sauber arbeiten kann. Meine Empfehlung für jede große Halle bleibt trotzdem dieselbe: früh am Abend bewusst zurückhaltender fahren und den Pegel mit der Füllung des Raums wachsen lassen.

Draußen ist wirklich draußen. Zur Halle gehört eine große Außenfläche mit Blick ins Grüne – ohne Fußmarsch, direkt vor der Tür. Für Sektempfang, Fotos und die Pausen zwischendurch ist das Gold wert, und die Bilder dieses Tages leben davon.

Dazu kommt: Es findet immer nur eine Veranstaltung gleichzeitig statt, geparkt wird direkt am Haus, und das Gebäude ist ebenerdig zugänglich. Klingt nach Kleinigkeiten – sind aber genau die Dinge, die am Hochzeitstag Nerven sparen. Ein zweites Mal in dieser Gegend war ich bei einer russisch-türkischen Hochzeit in Remseck bei Stuttgart; die Region ist für mich längst kein Ausnahmegebiet mehr.

Fotografiert hat den Tag das Duo Senay & Göks von OKA Wedding aus dem Raum Stuttgart – alle Bilder in dieser Reportage stammen von ihnen.

Was von diesem Abend bleibt

Ich habe schon Brautpaare erlebt, die vor allem durch ihre Gastfreundschaft in Erinnerung bleiben, oder durch eine besondere Idee. Bei L. & K. ist es etwas anderes: ihr Lachen. Die beiden haben den ganzen Abend gegrinst – nicht für die Kamera, sondern einfach, weil sie sich gefreut haben. Wenn ich an diese Hochzeit denke, sehe ich als Erstes dieses Grinsen.

Und es gibt eine Fortsetzung, über die ich mich sehr freue: Im Oktober spiele ich die Hochzeit der Schwester des Bräutigams. Es gibt kein ehrlicheres Feedback als das – wenn eine Familie einen zum zweiten Mal an ihren wichtigsten Tag holt. Mehr zu meiner Arbeit als Hochzeits-DJ im Raum Stuttgart.

Abende wie dieser sind der Kern meiner Arbeit als DJ für internationale und multikulturelle Hochzeiten: nicht zwei Programme nacheinander abspielen, sondern einen Abend bauen, auf dem sich beide Seiten die ganze Zeit gemeint fühlen. Wenn am Ende ein Brautvater zwischen den Welten hin- und hertanzt, hat es funktioniert.

Gastgeber dieses Tages war das AchtWerk in Rudersberg, geplant hat Bilges Weddings, fotografiert hat OKA Wedding.

Jede Hochzeit erzählt ihre eigene Geschichte. Dies war eine davon.

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